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Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer. Zwei deutsche Welten prallten aufeinander, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in komplett unterschiedliche politische und wirtschaftliche Richtungen entwickelt hatten. Die gesellschaftlichen Nachwirkungen sind bis heute spürbar, auch Reste einer mit der Wende weitgehend von der Bildfläche verschwundenen Kultur sind noch zu finden, vor allem im Osten der deutschen Hauptstadt. Dabei scheint die Zahl derer, die sehnsüchtige Blicke darauf werfen und allem einstigen Unrecht zum Trotz gern und häufig an das untergegangene System zurückdenken, zu wachsen: Ostalgie heißt dieses Phänomen.
Was das alles mit Rhys Fulber, Lichtgestalt der internationalen Electro- und Industrial-Szene, zu tun hat? Eine Menge: Der Kanadier betitelte sein zweites Soloalbum Ostalgia, treibt sich immer häufiger in Berlin herum und spürt seinen deutschen Wurzeln nach. Nicht zuletzt hat Rhys Fulber in diesem Zuge auch für sich selbst gänzlich neue musikalische Welten erschlossen.


1 – 2 – 3 - TECHNO!

Die meisten Leute kennen dich von Front Line Assembly und Conjure One, du hast jedoch schon immer auch andere Dinge gemacht und viel herumexperimentiert. Techno war bis vor Kurzem allerdings nicht dabei ...
Nachdem ich zuletzt viel ambiente, atmosphärische und melodiöse Musik gemacht habe, arbeitete ich wieder an etwas härterem Stoff. Mit FLA hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon jahrelang kein komplettes Album mehr produziert. Ich wollte einfach wieder aggressivere Musik machen und diese habe ich dann an einen Freund in Berlin geschickt.

An Blush Response?
Ja, genau. Und er hat sie wiederum Adam X von Sonic Groove vorgespielt, der sie super fand und mich direkt fragte, ob ich eine Platte bei ihm herausbringen möchte. So nahm die Geschichte ihren Lauf.

Warst du im Bilde darüber, was in der Berliner Techno-Szene gerade angesagt ist und in welche Richtung Labels wie aufnahme + wiedergabe, Fleisch oder Instruments Of Discipline gehen?
Ich verfolge immer neue Musiktrends, sodass ich schon viel von den Sachen kannte. Und ich wusste auch, dass sich die Szene in eine Industrial-Richtung entwickelt. Alles geht wieder ein Stück zurück, das finde ich interessant. Ich hatte eine ganze Weile immer dasselbe gemacht, wollte eine Veränderung! Wenn man Musik macht, die sich unter einem allgemeinen Techno-Begriff einsortieren lassen soll, dann muss man ein paar Dinge lernen, damit das auch DJ-Set-tauglich wird. Ich habe mir ein wenig davon angeeignet, möchte aber auch nicht zu viel lernen.

Warum das?
Weil ich Musik machen möchte, die ihren eigenen Sound hat und künstlerischer Ausdruck von dem ist, was ich mag. Und ich versuche, sie mit Inhalt zu füllen, mit Samples oder Leitmotiven, einfach mit Elementen, die ich interessant finde. Meine Produktionen sollen auch eine gewisse Tiefe haben. Und jetzt kann ich noch viel mehr davon einbringen, ein bisschen mehr riskieren oder auch ein wenig in die Soundtrack-Richtung gehen. Das ist alles nicht ganz neu für mich, doch ich brachte es nie unter einen Hut.
Conjure One brauchte einen eigenen Namen, das bin ich nicht allein, sondern dazu gehören andere Musiker und Sänger. Das war also ein Projekt. Aber diese Sachen jetzt, das bin einfach ich.

rhys fulber live
Wenn man dich bei deinen Auftritten so sieht, merkt man, dass du dich in der Techno-Szene schon richtig zuhause fühlst.
Da ist noch was von dem ursprünglichen Spirit, das ist cool. FLA hatte sich in den 90ern in eine andere Richtung entwickelt, wir sind fast ein wenig kommerziell geworden. Der ursprüngliche Industrial-Spirit war von 1992 an weg, das war dann einfach nicht mehr dasselbe. Ich mag diese Rückkehr zum Abstrakten und etwas Stümperhaften – in vielen Techno-Tracks findet man genau diese Ursprünglichkeit. Und man braucht junge Leute, für neue Energie. Das alles hat viel mehr vom Geist der Bands, die ich als Teenager gehört habe, also Portion Control, SPK und so. Es ist natürlich nicht ganz identisch, aber man spürt viel davon.

„Ich bin überrascht, wie viele Leute aus der Techno-Szene einen EBM-Background haben.“


Das ist kein Zufall …
Nein. Ich habe festgestellt, dass viele Leute, die schon etwas länger im Techno-Umfeld aktiv sind, einen EBM-Background haben. Ich hatte keine Ahnung, dass die Musik von Front Line, Skinny Puppy, Front 242, Nitzer Ebb und so weiter solch einen Einfluss hatte. Wenn mir das jemand erzählt, bin ich immer wieder überrascht. Und klar, es ist schon schmeichelhaft zu hören, dass alle auf deine Musik stehen. Ich denke, das liegt auch daran, dass es damals einfach nicht so viele Platten aus der Richtung gab. Wer auf harte elektronische Musik stand, wurde noch nicht von Unmengen an Bands bedient, so wie das heute der Fall ist. Vielleicht haben wir auch einfach von diesem limitierten Angebot profitiert [lacht].


OSTALGIE UND GERMANY

Trotz seiner Deutschland- beziehungsweise DDR-Thematik hast du das neue Album nicht hier aufgenommen?
Nein. In Los Angeles, in meinem Studio, dort wohne ich auch. Aber ich komme regelmäßig nach Berlin, wo mein Cousin lebt. Ich kann bei ihm wohnen, wann immer ich das möchte.

Das Album heißt Ostalgia – ein Ausdruck für die romantisch-verklärte Art des Zurückdenkens an die DDR. Woher kommt dieser Titel?
Hauptsächlich aus der Kunst, weniger aus der Kultur. Ich interessiere mich seit Jahren für den sozialistischen Realismus, habe haufenweise Bücher darüber. Ich verbringe natürlich auch viel Zeit im Osten Berlins, also sauge ich dort auch etwas davon auf. Ich schaue mir diese monumentalen Klotzbauten an, auch in anderen früheren Ostblockstaaten, und schreibe mir ihre Namen auf. Das werden dann Titel meiner Songs. Ich habe einfach ein allgemeines Interesse für die Gegend und diesen Kunststil, speziell für Ostdeutschland, wo auch einige meiner Freunde leben. Irgendwas ist dort ... das hat eine mysteriöse Aura. Und als ich das Wort Ostalgia zum ersten Mal gehört habe, fand ich es sofort cool.

„Irgendwas ist dort in der ehemaligen DDR ... das hat eine mysteriöse Aura.“


Und hast es aufgeschrieben?
Ich notiere mir solche Wörter. Wann immer ich etwas Spannendes sehe oder höre, schreibe ich es auf eine Liste, sodass ich später alles zusammenfügen kann. Irgendwie arbeite ich immer an irgendetwas. Diese persönliche Ebene und wie sich alles fügt, das schätze ich an der Art und Weise, wie ich jetzt Musik mache. Das war in der Vergangenheit bei meinen anderen Projekten nicht so.

Apropos Vergangenheit: Das Album ist in gewisser Weise auch Zeugnis einer persönlichen Spurensuche.
Ja, mein Vater ist Deutscher. Und ich bin mit Deutschen aufgewachsen, in einer deutschen Familie, aber keiner hat uns die Sprache beigebracht. Sie sagten immer, wir würden jetzt in Kanada wohnen und dort wird Englisch gesprochen. Mein Cousin musste Deutsch lernen, als er nach Berlin gezogen ist. Aber ich hatte oft meine Großeltern und andere Verwandte um mich, daher ist die Sprache für mich nicht fremd. Ich hab als Kind eine Zeitlang in Deutschland gelebt. Ich kenne die Wörter, aber ich weiß nicht, wie man sie zusammensetzt. Ich kann keine Gespräche führen, aber alles klingt vertraut.



FRONT LINE ASSEMBLY, FALCO, KRITIK UND OFF-TOPIC

Du warst nach Hard Wired viele Jahre kein festes FLA-Mitglied mehr, jetzt gehst du sogar wieder mit auf Tour. Wie fühlt sich das an?
Es ist ein anderes Prozedere, mit Bill zu arbeiten. Das funktioniert auch, ich kann immer mit Bill arbeiten. Aber es ist wirklich komplett anders. Ich hatte viel Spaß dabei, das letzte Album mit Bill zu machen, wir haben einige sehr coole Sachen probiert. Dennoch war das nicht wie bei einer früheren Platte. Wie schon gesagt: das kann man nicht wiederholen. Musik ist jetzt. Wir haben anderes Equipment, alles ist anders. Wir haben zwar ein paar Sachen gemacht, die etwas mehr nach damals klingen, aber sie sind trotzdem anders. Etwas, worüber in diesem Zusammenhang viel zu wenig gesprochen wird, ist, dass Bills Vocals jetzt großartig sind, besser als je zuvor!

Dennoch: Wake Up The Coma ist eins der ganz wenigen FLA-Alben, die auch richtig schlechte Kritiken bekommen haben – beispielsweise wegen des Falco-Covers. Kratzt dich das?
Wir mochten es und hatten Spaß dabei. Bill spricht schon seit Jahren von diesem Cover und jetzt haben wir einfach gesagt: „Lass uns das machen!“. Mir ist egal, was die Leute denken, darum sollte man sich echt keinen Kopf machen. Wenn dich so etwas kümmert, machst du keine Kunst, du entwickelst dich nicht weiter – sondern limitierst dich selbst! Auch deshalb mag ich meine Solotätigkeit: Ich mache, was ich will. Ich bin auch lange genug dabei, um Kritik, beispielsweise aus dem Internet, einfach wegzustecken. Das ist dann halt die Meinung einzelner Leute. Völlig subjektiv. Tatsächlich finde ich es lustig, wenn Leute superkritisch sind. Daran erinnere ich mich besser als an positive Stimmen. Und, es ist ja auch so: Wenn dich jemand kritisiert, heißt das auch, dass du irgendwas richtig machst, weil du Emotionen geweckt hast. Es ist schlimmer, wenn gar nichts gesagt wird.

Habt ihr die Kritiken kommen sehen?
Bill und ich haben das schon geahnt, als wir das Falco-Cover gemacht haben. Aber es war lustig. Es war überhaupt eine Platte, die Spaß gemacht hat, und es ist nichts verkehrt daran, ab und zu ein spaßiges Album zu machen. Die Leute wissen sowieso, dass wir sind keine super-ernsten Typen sind. Wir reißen gern Witze und lachen viel. Wir versuchen, an alles mit einem gewissen Sinn für Humor ranzugehen.

„Wir können keine zweite Tactical Neural Implant machen. Das Gefühl würde nicht stimmen.“


Hörst du dir auch Musik von den zahlreichen neuen Bands an, die aus Vancouver kommen?
Manches davon. Nicht alles. Ich mag es nicht, wenn sich etwas zu sehr nach Früher anhört. Es gibt einige Platten, die wirklich exakt so klingen, als hätte man sie aus der Vergangenheit herübergebeamt. Die finde ich nicht gut. Ich war dabei, als ich jung war, das reicht. Ich finde es besser, wenn Musik noch einen Dreh bekommt, der sie modern macht. Es ist zwar cool, wie diese Bands die alten Elemente verwenden, aber ich habe immer das Gefühl, dass das alles ein Update gebrauchen könnte. Man will doch keine Zeitmaschine! Musik ist eine ‚Zeit-in-einem-Ort-Sache‘.
Ich weiß, dass es FLA-Fans gibt, die immer wieder fragen, warum wir keine weitere Tactical Neural Implant machen. Die Antwort: Weil das einfach nicht geht! Es war ein bestimmter Zeitpunkt an einem bestimmten Ort. Ich meine, klar, man könnte, aber das Gefühl würde nicht stimmen. Man würde nur etwas kopieren. Das ergäbe keinen Sinn. Man muss sich einfach weiterentwickeln.



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BIMfest 2019 - 
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