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„Bei dieser EP handelt es sich um elektronische Country-Musik.“


Nebel, Strobo und eine große Fliegerbrille können die mächtige Schramme in seinem Gesicht nicht kaschieren: Thoralf Dietrich ist einige Tage vor dem Flat And Boots Festival schwer mit dem Fahrrad gestürzt. Daran, sein Konzert mit Jäger 90 im Leipziger Felsenkeller abzusagen, dachte der Rostocker jedoch zu keiner Zeit. Adrenalin tötet jeden Schmerz und erst auf der Bühne fühlt Thoralf sich wie ein vollständiger Mensch. Geht es hingegen um Microwelt, schlüpft er gern in die Rolle halb Mensch/halb Ding. Er agiert bei seinem Seitenprojekt als Maschinist A, sein Partner Maschinist B heißt mit bürgerlichem Namen Jens Krause. Nach zehn Jahren Pause erschien mit A1 eine neue EP von Microwelt, die über die Autobahnen der Republik führt – natürlich nicht mit dem Fahrrad, denn dann würden Unfälle mit Sicherheit weniger glimpflich enden.


Hast du das Gefühl, dass die Welt in den letzten zehn Jahren kleiner geworden ist?
Die Welt ist nicht kleiner geworden, aber auch nicht größer. Es gibt keine neue Musik mehr, keine Themen, die noch nie besungen wurden. Wir leben in einer Zeit, in der sich alles wiederholt. Wenn man heute Musik machen will, muss man sich damit abfinden, keine neuen Klänge mehr erzeugen zu können. Nur die Herangehensweise ist sehr viel einfacher geworden. Es ist heute kein Problem mehr, hochwertige Klänge zu produzieren, ohne gleich seine Ersparnisse auflösen oder einen Kredit aufnehmen zu müssen. 

„Wir leben in einer Zeit, in der sich alles wiederholt.“


Während Informationen auf der Datenautobahn in Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind, von München nach Berlin also nur Bruchteile von Sekunden benötigen, braucht man auf der Straße oft einen ganzen Tag. Hier wird die Welt sehr groß und 500 Kilometer im Stau sind verdammt weit.
Muss ich wie gewohnt mit dem Auto fahren? Muss ich überhaupt fahren? Kann ich bestimmte Termine nicht auch anders abarbeiten? Ja, das kann ich! Wir haben so viele Kommunikationsmittel, dass man physisch nicht mehr vor Ort sein muss. Ob es die Sache spannender macht, ist wieder eine andere Frage. Eine Fahrt mit dem Auto auf der A 9 ist noch immer abenteuerlicher, als vor einer Beamer-Wand oder einem Bildschirm zu sitzen. Allein die Natur zu sehen und zu erleben, ist es doch wert, mit dem Auto oder auch mit der Bahn zu fahren. Die Digitalisierung ist zwar eine bequeme und tolle Sache, lässt uns Menschen aber am eigentlichen Leben nicht mehr wirklich teilhaben.

Warum heißt die aktuelle Microwelt-EP A1 und nicht A9, als Ableitung aus dem ersten Song, München – Leipzig – Berlin?
A1 wurde deshalb gewählt, weil bald die A2 folgt. Beide EPs werden die gleichen Themen beinhalten. Hier geht es nicht zwingend um die Autobahnen an sich, sondern vielmehr um den Bezug zu den Veröffentlichungen. Und nebenbei: Die A 9 ist viel schöner als die A 1 oder die A 2, vor allem um das Hermsdorfer Kreuz herum.





Was fasziniert dich so sehr an der Autobahn-Thematik, dass du ihr zwei komplette EPs widmest?
In der klassischen Country-Musik war das immer ein Thema. Ja, ich möchte behaupten, dass es sich bei dieser EP um Country handelt – allerdings nicht nach amerikanischen, sondern nach deutschen Vorbildern. So, wie viele Country-Stars Johnny Cash, Hank Williams oder John Denver als Vorbilder nennen, ist es bei mir Kraftwerk mit dem Stück Autobahn. thoralf dietrich jaeger 90 microwelt 2018Ich finde, diese Art Country passt auch besser zu unseren Straßen. Wir fahren durch Städte und Industrieanlagen und über viele Brücken. Eine elektronisch erzeugte Musik funktioniert hier viel besser als Country mit Gitarre. Was umgekehrt genauso ist. Ein Song von Johnny Cash gehört auf einen Highway in Amerika. Da gibt es über hunderte von Kilometern einfach nur Wüste, Hitze und Straße. Das sind Dimensionen, die können wir uns in Deutschland gar nicht vorstellen. Die A1 sowie auch die A2 sind Country für deutsche Autobahnen; und ich finde, das funktioniert wirklich sehr gut. Kalte Klänge zu teilweise kalten Architekturen und grauen Tagen.

Wo eine Autobahn ist, wo zudem Vocoderstimmen auf Minimal-Synth treffen und wo ent-personifizierte Musiker am Werk sind, da liegt der Bezug zu Kraftwerk nahe. Wie wichtig ist die Band für dein eigenes Schaffen?
Kraftwerk sind die Begründer dieses Spiels von Vocoder und Synth, sie haben es in den 80er-Jahren auf die Spitze getrieben. Es war faszinierend, das Album Electric Café zu hören, der totale Wahnsinn. Schön, dass wir, unsere Generation, uns daran bedienen können. Wir können stolz auf diese Vorbilder sein.

Kann man sich überhaupt ausmalen, wie die Musikwelt heute aussehen würde, hätte es Kraftwerk nie gegeben?
Kraftwerk waren die populärsten in diesem Genre, aber nicht die ersten mit der Technologie. Als sie noch mit Flöte und primitiven Rhythmus-Boxen arbeiteten, haben Tangerine Dream schon ganz andere Sounds aufgefahren. Aber es geht nicht darum, wer zuerst welches neue elektrische Instrument spielte, sondern vielmehr darum, was man damit macht und wie man es einsetzt. Und da waren Kraftwerk ganz weit vorne. Sie waren die ersten, die elektrische Instrumente als Maschinen gesehen haben, und schließlich wurden sie selbst zu Maschinen. Das war einzigartig. Ich bin dennoch der Meinung, dass sich die Musik heute auch so anhören würde, wenn es Kraftwerk nicht gegeben hätte. Obwohl sie in den Anfangszeiten viel selbst gebaut und experimentiert haben, wurden dennoch Geräte benutzt, die jeder, wenn er das Geld hatte, auch kaufen konnte. Giorgio Moroder hat schon vor Die Mensch-Maschine den Synth so eingesetzt, wie Kraftwerk es erst ab 1978 taten.





Während Kraftwerk Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger mit Technikthemen und einem Techno-Protosound revolutionär und visionär waren, gilt man als Epigone heute zwangsläufig als retro. Stört dich das?
Nein, überhaupt nicht. Als Rockmusiker wird man gefeiert, wenn man sich anhört wie die alten Meister. Da stört es keinen Menschen. In der elektronischen Musik wird aber immer gerne mit dem Finger gezeigt: Die hören sich an wie die oder wie die Band Soundso ... Oder: Das gab es schon, ist nichts Neues. Da sage ich immer: Na und, umso länger bleibt uns das doch erhalten. Und noch mal: Es wird keine neue Musik mehr geben. Wir müssen das endlich kapieren und damit leben. Es sei denn, jemand erfindet einen Klang, der unser Gehör noch nie erreicht hat. Das ist für mich nicht vorstellbar. Es muss ein Geräusch aus einem Material sein, das erst noch entdeckt wird. Was sich verändern wird, ist die Herangehensweise, die Einfachheit. Elektronische Tanzmusik wird bald so einfach zu produzieren sein, dass Tanken an der Säule länger dauert.

„Electro wird so einfach zu produzieren sein, dass Tanken länger dauert.“


Beim letzten Song der EP, Herz an Herz, wird kühle Technik mit Wärme und Menschlichkeit thematisch verschmolzen. Was ist die Idee dahinter?
Mit diesem Stück habe ich mich, obwohl es sehr simpel ist, schwergetan. Aber ich wollte unbedingt nur eine Fläche mit Voice haben, die das, genau richtig, auf den Punkt bringt. Die sich allein auf diese Aussage beschränkt. Denn letztendlich und bei aller Digitalisierung steht doch immer noch der Mensch dahinter, der den Regler dreht und dem Computer den Befehl gibt. Denn denken und fühlen kann ein Computer noch nicht.

Wie ist denn deine persönliche Meinung zur rasanten Entwicklung im Bereich künstliche Intelligenz? Siehst du Gefahren?
Definitiv. Nur mal ein Beispiel: Habe letztens einen Bericht gesehen, in dem eine kleine Drohne mit Sprengstoff durch die Luft flog und gezielt in einer Stadt nach einem Gesicht gesucht hat, um dieses zu zerstören. Das fand ich schon sehr krass. Oder es werden Chips in den Kopf eingepflanzt und der Mensch funktioniert nur noch so, wie es im Chip programmiert wurde. Bei all den tollen Entwicklungen finde ich solche Beispiele, über die man auch gerne mal singt, sehr bedenklich.

Das Jahr geht zu Ende. Dein Fazit?
Musikalisch gesehen hat sich 2018 für mich bereits erledigt. Hinsichtlich Konzerten et cetera kann ich auf ein großartiges Jahr zurückblicken. Wir hatten tolle Momente und Begegnungen. Und jeder beziehungsweise jede bestärkt mich darin, weiterzumachen. Manchmal denke ich, es ist alles nur ein Traum, aus dem ich einfach nicht erwachen will.

„Ich möchte 2019 endlich ein neues Album von Jäger 90 veröffentlichen.“


Welche Pläne hast du für 2019?
Viele. Ich möchte insgesamt vier Alben veröffentlichen – und, ja: endlich auch wieder eins von Jäger 90. Das letzte ist von 2012, das muss man sich mal vorstellen. Dennoch stehen wir in unserem Genre immer noch gut da. Unsere Fans und die Veranstalter wollen uns einfach nicht vergessen. Wir sind mit unseren alten Songs immer noch ein Brett auf der Bühne. Es ist ein tolles Gefühl, so eine Unterstützung erleben zu dürfen. Wenn man das so sagen kann: Letztendlich sind wir es auch den Fans schuldig, endlich wieder was zu Papier zu bringen. Und wenn es allein für sie wäre, na dann machen wir das Album halt nur für unsere Fans und nicht für mich oder uns. Auch nächstes Jahr spielen wir auf großen Festivals und es geht sogar nach Mexiko. Und dann kommt natürlich A2 von Microwelt. Die EP wird sich vom Sound und von der Stimme her ein wenig anders anhören, bleibt aber beim Thema elektronischer Country. Ansonsten steht auch bei HÄTZER etwas Neues an und der Franz Riss muss auch mal wieder an die Arbeit. Also, das wird auf jeden Fall spannend.

microwelt a1 ep cover artworkFast 45 Jahre ist die erste Symphonie der elektronischen Musikgeschichte auf der Straße, und noch immer fasziniert sie Millionen. Thoralf Dietrich gehört nicht nur zu den Kraftwerk-Fans, die Autobahn regelmäßig abfahren, seine Liebe geht deutlich darüber hinaus. Mit Microwelt greift er das Konzept des Albums thematisch wie musikalisch auf und entwickelt es weiter. Zu ploppenden Beats, Roboterstimmen, kleinen Melodien und minimalen Synth-Sounds geht es kreuz und quer durch die Republik. Die imaginäre Reise dauert fünf Tracks lang, führt von München nach Berlin, nimmt Umwege über verlassene Landstriche und durch kalte Großstädte bei Nacht. Die Straßen schwingen im Takt, Stress und Chaos bleiben komplett auf der Strecke. A1 ist trotz seiner Thematik durchweg romantisch, es verklärt geradezu das, was längst Teil des alltäglichen Wahnsinns ist. Deshalb: Tür zu, anschnallen und fahr’n, fahr’n, fahr’n bis zur nächsten Station. Die A2 wartet schon.
[2018] [Electro-Shock-Records]


Verlosung: 3 Exemplare von A1 verlosen wir auf CD! Wer gewinnen möchte, sendet bitte bis zum 26.12.2018 eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und versieht diese mit dem Betreff Microwelt. Vergesst nicht, Eure Adresse anzugeben. Gute Fahrt!

www.facebook.com/autobahnoffiziell


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Der Besuch eines M’era Luna Festivals birgt immer gewisse Gefahren: Es kann zu unerwünschten Begegnungen mit ungeliebten Personen kommen, die Ohren können mit Musik konfrontiert werden, die weder berührt noch verführt, und wenn es ganz schlimm kommt, verbringt der eine oder andere das komplette Wochenende – alkoholbedingt auf dem Zeltplatz, obwohl er 120 Euro Eintritt gezahlt hat.

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