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Camping in Ferropolis - 
Über die Halbinsel würden sich fünf kleine Bühnen verteilen: hauptsächlich am Strand und im Wald. Die Mainstage stünde vor einem der riesigen Bagger mit dem Gremminer See im Hintergrund. Dazwischen und drumherum 20.000 bis 30.000 Menschen. Sie lachen, tanzen und trinken. An einem Ort, der einst zur dreckigsten Ecke Europas gehörte, spielt mehrmals im Jahr die Musik, flirrt die Luft vor Lebensfreude – in anderen Zeiten, unter normalen Umständen.
Ferropolis 2020 stattdessen: Gähnende Leere auf dem riesigen Areal. Einige versprengte Touris, die Industriekultur der brachialen Art genießen ... und, immerhin: etwa 50 Wohnwagen, Mobile und Zelte in den Schatten der schlafenden Stahlmonster. Das Camping-Angebot gehört zu den wenigen praktikablen Alternativkonzepten, mit denen die Ferropolis Industriekultur gGmbH hofft, die Corona-Krise zu überstehen.
camping in ferropolis - janine scharfJanine Scharf | © Lêmrich StudioJanine Scharf, 35 Jahre, ist seit über zehn Jahren Eventmanagerin in Ferropolis, hätte im Frühjahr viele lokale Events wie Trödelmärkte und einen Triathlon organisiert, dann wäre sie mit dem HOLE-Festival in die Saison gestartet – gefolgt von Splash, Full Force, MELT, SoulX und sogar Motorsport sowie einem traditionellen Bergmannstag mit Live-Acts. Nun hingegen sind bereits knapp 400.000 Euro Verlust zu beklagen, und Janine blickt wehmütig auf die unglaubliche 20-Hektar-Kulisse. Aber auch positiv in die Zukunft. Ihr und Ferropolis bleibt schließlich keine andere Wahl.


Wie war das Gefühl, als klar wurde, dass in diesem Sommer nichts gehen wird?
Wirklich seltsam. Im Februar dachte ich noch, dass im Juni sicher alles überstanden sein würde – aber es kam bekanntlich anders. Die ersten Wochen waren chaotisch, weil alle versucht haben, Termine nach hinten zu schieben. Ich musste zehntausendmal am Tag in den Kalender gucken. Als wir schließlich wussten, dass 2020 überhaupt nichts passieren wird, gingen die Überlegungen los, was auf dem Gelände gemacht werden könnte. Dann fanden wir eine schöne coronagerechte Alternative und konnten wieder ein bisschen wuseln.

Ihr habt verschiedene Alternativen ausprobiert …
Wir haben es mit Autokino versucht, würden wir nicht wieder machen. Damit schwarze Zahlen zu schreiben, ist kaum möglich. Darum haben wir unser Museum stark in den Vordergrund gerückt und bald wieder Führungen angeboten. Abstände einzuhalten ist bei dem vielen Platz hier kein Problem. Es sind auch viele Leute aus den Städten zu uns, speziell zum See, gekommen, weil es bei ihnen so überlaufen war. Was aber so richtig eingeschlagen hat, das waren unsere Camping-Angebote „Schlafen im Museum“ und „Camping unter Baggern“. Seit Mitte Juni hatten wir rund 1.500 Buchungen, pro Einheit kamen immer drei oder vier Personen.


Trotz der prinzipiell guten Infrastruktur war zuvor sicher noch eine Menge zu tun, bevor Camping in Ferropolis möglich wurde?
Genau. Wir haben frühzeitig mit dem Landkreis gesprochen und die Genehmigung für den Campingplatz schon Anfang Juni bekommen. Kurzfristig planen und umsetzen können wir aufgrund der Fülle unserer Veranstaltungen auch sonst ganz gut. Zum Glück hatten wir auch noch die Dienstleister für Duschcontainer etc. bei der Hand. Trinkwasser für die Camper war wichtig und natürlich auch die Entsorgungsmöglichkeit von Toiletten- und Brauchwasser. Die Stromversorgung war etwas aufwändiger, ebenso das Online-Buchungssystem. Ende Juni konnten wir loslegen. Witzig: Obwohl kaum jemand davon wusste, war es am ersten Wochenende schon voll. Und an den eigentlichen Festivalwochenenden kamen Leute, die extra deswegen Urlaub genommen haben. Darunter auch ein paar Feierwütige, die wir ein bisschen von den Familien mit Kindern separieren mussten.

Festivalbesucher campen sonst außerhalb des Geländes?
Auf dem Weg vom Gelände zur Bundesstraße sind rechts und links Landwirtschaftsflächen. Dort wird bei Festivals normalerweise gecampt. Aktuell bietet sich also allen die Chance, dies hier auf der Halbinsel zu tun.

Was ist Ferropolis?
Im ehemaligen Chemiedreieck Bitterfeld – Wolfen – Dessau wurde bis 1991 auch megatonnenweise Braunkohle gefördert. Medusa, Gemini oder Mad Max, wie die Ferropolis-Bagger heute heißen, fraßen gewaltige Löcher in die Erde, hinterließen triste Kraterlandschaften wie den Tagebau Golpa-Nord. Ätzende Abgase und giftige Abwässer komplettierten das rund 40 Jahre währende, planwirtschaftlich legitimierte Verbrechen an der Umwelt.
Zehn Jahre später: Flutung der Restlöcher, Bau eines konzerttauglichen überdimensionalen Freilichtmuseums, das von fünf Schwenkbaggern, Schaufelradbaggern und Absetzern gerahmt wurde. Ferropolis entstand, die Stadt aus Eisen, weltweit einzigartige Kulisse für Großveranstaltungen, für Festivals wie das MELT oder Full Force, für Konzerte von Metallica, Deichkind oder Pet Shop Boys.

Alternativkonzepte hin oder her: Ferropolis ist akut von der Insolvenz bedroht …
400.000 Euro Verlust und bisher hat für die Eventbranche kaum eine Hilfe gegriffen. Das heißt: Alles, was wir in diesem Jahr mit Camping und Museum verdienen, haben wir auch selbst erwirtschaftet, um zumindest Gehälter zahlen zu können. Wir waren relativ lange auf Kurzarbeit. Das Camping-Angebot reicht vielleicht zum Überleben, kann aber niemals die Verluste kompensieren. Wir haben unzählige Anträge ausgefüllt und Telefonate geführt. Das Land ist zwar willig, etwas zu tun, aber so richtig passiert nichts in Sachen Ausgleichszahlung, weil es keinen passenden Fördertopf gibt.

ferropolis melt splashMELT, Splash & Co.: In Ferropolis tobt in normalen Jahren das Leben
Und das nächste Jahr?

Wird voll! Wir haben für 2021 gut geplant, darunter auch Agenturveranstaltungen mit 1.000 bis 1.500 Leuten. Firmen mieten die Halbinsel und haben ihren Spaß. Das ist auch für uns schön. Der Aufwand ist ein bisschen geringer, aber das Gelände sieht trotzdem wahnsinnig toll aus, weil die Firmen darauf Wert legen. Das Splash holen wir nach, das wird es 2021 doppelt geben, an zwei Wochenenden nacheinander im Juli. Zuvor sind das MELT und das Full Force. Wir versuchen, unsere Verluste etwas aufzufangen und werden die Veranstaltungen gut auseinanderzerren: klein und groß möglichst abwechselnd, weil sich auch das Gelände erholen muss.

Ist vorstellbar, das Gelände 2021 auch wieder für Camper freizugeben?
Wir haben so positive Erfahrungen gesammelt, dass wir nach potenziellen Flächen für einen Campingplatz unabhängig von Festivals suchen – etwas abseits der Halbinsel, mit Blick auf die Bagger. Speziell für dieses Jahr habe ich schon überlegt, das Angebot über Oktober hinaus zu verlängern. Wir haben auch ein Gebäude mit Duschen. Vielleicht lässt sich alles noch fitmachen, damit Camping in Ferropolis auch im Winter möglich ist.


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